Ursulina Schüler-Witte & Ralf Schüler – Dream-Team der Pop-Architektur

Teil 28 der Plateau RED-Reihe „Inspirierende Persönlichkeiten der Architektur“

Ursulina Schüler-Witte
*1933 in Berlin
†2022 in Berlin
deutsche Architektin

Ralf Schüler
*1930 in Berlin
†2011 in Berlin
deutscher Architekt

„Ralf war der geniale, äußerst innovative und kreative Architekt und der detailsichere Konstrukteur, während ich ihn oft mit meinen unkonventionellen und phantasievollen Einfällen überraschte.“ – Ursulina Schüler-Witte über die Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann.

Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte waren privat wie beruflich ein eingespieltes Team. Seine technische Begabung ergänzte sich mit ihren kreativen Einfällen und zusammen erschuf das Architektenpaar Ikonen der Berliner Architektur. Die Handschrift ihrer bekanntesten Werke ist dabei geprägt von der Zurschaustellung technischer Elemente, der plastischen Gestaltung sowie dem ständigen Experimentierten mit neuen Baumethoden und Materialien.

Ursulina Witte studierte Architektur an der Technischen Universität Berlin, wo sie 1953 ihren späteren Ehemann Ralf Schüler kennenlernte. Im Jahr 1967 eröffnete das Ehepaar sein eigenes Architekturbüro in Berlin. Dank ihres Beitrags zum Wettbewerb zur Gestaltung des U-Bahnhofs Blissestraße konnten die jungen Architekten früh auf sich aufmerksam machen und wurden im selben Jahr der Gründung ihres Architekturbüros bereits mit der Gestaltung des U-Bahnhofs Schloßstraße beauftragt.

Bild: „U-Bahnhof Schloßstraße“ von Phaeton1. Lizenz: CC BY-SA 3.0

U-Bahnhof Schloßstraße

Im Jahr 1974 eröffnet, ist der U-Bahnhof Schloßstraße ganz ein Kind seiner Zeit. In ihren Entwürfen haben sich Schüler & Schüler-Witte von Anfang an von den strengen Rasterfassaden der Nachkriegsarchitektur abgelöst und stattdessen Einflüsse der High-Tech-Architektur mit der so genannten Pop-Architektur verknüpft. Dazu haben Schüler & Schüler-Witte viele Wandelemente in knalligen Blau-, Gelb-, Orange- und Rottönen gestaltet und die Treppenschächte sowie die Verteilerebene in dunklen Blau- und Grüntönen gekachelt oder gestrichen. Die neuartige Verwendung von knallig buntem Kunststoff für die Schriftelemente der Station geben dem Bahnhof nicht nur einen sehr plastischen, sondern auch verspielten Charakter. Die Decken bestehen überwiegend aus Sichtbeton. Der U-Bahnhof sollte einen multidimensionalen Verkehrsknotenpunkt bilden, der die Bundesautobahn mit dem Steglitzer Kreuz verband. Um diesen Knotenpunkt auch überirdisch zu betonen, entwarfen Schüler & Schüler-Witte zusätzlich noch einen auffälligen Turm, der bis heute bei den Berlinern als „Bierpinsel“ bekannt ist.

Bierpinsel

Bild: Bierpinsel von Marek Śliwecki. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Den Namen „Bierpinsel“ erhielt das 47 Meter hohe Gebäude schon während seiner Entstehung: Zum einen erinnerte der untere schmale Teil des Turms die Berliner während des Bauens an einen Rasierpinsel, zum anderen entstand der Spitzname durch die geplante Nutzung des Gebäudes als Gastronomie. Schüler & Schüler-Witte selbst hatten die Architektur ursprünglich an die Form eines Baumes angelehnt. Der 1976 fertiggestellte Turm aus Sichtbeton ist ein Sinnbild der Pop-Architektur, was nicht nur an der auffälligen Form des aufgesetzten mehreckigen Körpers des Turms erkennbar ist, sondern auch an seiner ursprünglich knallroten Farbe. In den Bierpinsel gelangt man über den extra daneben angebauten Treppenturm. Durch die Integration des Turms in die Joachim-Tiburtius-Brücke wollten Schüler & Schüler-Witte die Hochstraße besser in die Stadtstruktur einbinden. Das außergewöhnliche Bauwerk ist heute das Wahrzeichen von Berlin-Steglitz und steht zusammen mit dem U-Bahnhof Schloßstraße unter Denkmalschutz.

Internationales Congress Centrum Berlin

Bild: „Berlin ICC“ von Taxiarchos228. Lizenz: Free Art License

1966 gewannen Schüler & Schüler-Witte den Wettbewerb für das Kongresszentrum Berlin. Die Anforderungen des Senats an die Architekten war es, das größte, modernste und erfolgreichste Kongresszentrum Europas zu entwerfen. Ihre ursprünglichen Entwürfe für das Kongresszentrum mussten Schüler & Schüler-Witte über den Haufen werfen, nachdem das ihnen zugewiesene Gelände für den Bau für ihre Pläne viel zu klein war. Dadurch war klar, dass das Gebäude insgesamt länger, aber schmaler werden musste und die Räume über-, statt nebeneinander gebaut werden mussten. Der bekannte futuristisch anmaßende Bau mit der Aluminium-Fassade im High-Tech-Architekturstil entstand daher aus reiner Zweckmäßigkeit. Die Tragkonstruktion der Säle und die Dachkonstruktion bestehen aus zwei getrennten Bauten, um den Lärm der Umgebung auszuschließen. Um den Zweck des Gebäudes – Kommunikation – auch architektonisch darzustellen, haben Schüler & Schüler-Witte auf Transparenz gesetzt. So gibt es im Inneren über dem Erdgeschoss keine abschließende Etagentrennung, sondern seitliche Öffnungen, die einen Blick auf die Konstruktion und zu den oberen Sälen ermöglichen. Im Jahr 1979 wurde das ICC Berlin schließlich eröffnet mit einer Länge von 313 Metern, einer Breite von 89 Metern und einer Höhe von fast 40 Metern sowie 80 Sälen und Räumen.

Neben diesen prägenden Ikonen West-Berlins hat das Ehepaar auch eine Vielzahl von Wohnhäusern, Brücken, Museen und anderen öffentlichen Bauten ebenso wie die Denkmale für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht entworfen. 2015 hat Ursulina Schüler-Witte selbst eine Biografie über die Werke von ihr und ihrem Mann veröffentlicht: Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Eine werkorientierte Biographie der Architekten des ICC.

Lina Bo Bardi – modernistische Denkerin

Teil 27 der Plateau RED-Reihe „Inspirierende Persönlichkeiten der Architektur“

Lina Bo Bardi
*1914 in Rom, Italien
†1992 in São Paulo, Brasilien
italienisch-brasilianische Architektin und Designerin

Lina Bo Bardi zählt zu den wichtigsten und ausdrucksstärksten Architekten und Designern Brasiliens. Im Jahr 2021 wurde ihr auf der Architekturbiennale in Venedig posthum der Goldene Löwe für ihr Lebenswerk verliehen: „Es sind vor allem [Lina Bo Bardis] kraftvolle Bauten, die in ihrer Gestaltung und in der Weise, wie sie Architektur, Natur, Wohnen und Gemeinschaft miteinander verbinden, herausragend sind.“ (Hashim Sarkis, Kurator der Biennale 2021)

Bild: „Lina bo bardi, tripé, 1948” von Sailko. Lizenz: CC BY 3.0

Als eine der wenigen Frauen ihrer Zeit studierte Lina Bo Bardi von 1934 bis 1939 Architektur. Danach zog sie von Rom nach Mailand und arbeitete dort zunächst als Illustratorin. Parallel sammelte sie erste Erfahrungen als ehrenamtliche Mitarbeiterin im Architekturbüro von Gio Ponti. Schon früh lag ihr Fokus auf dem gesellschaftlichen Nutzen ihrer Bauten, weshalb sie sich vieler sozialer Wohnungsbauprojekte annahm. Nachdem Bardi nach Brasilien emigriert war, spielte sie für die Entwicklung der modernen Architektur des Landes eine entscheidende Rolle. In São Paulo angekommen identifizierte sie sich schnell mit der sozialkritischen und kulturrevolutionären Antropophagie-Bewegung. Die Bewegung strebte eine kulturelle Unabhängigkeit von den europäischen Kolonialisten und die Erschaffung einer eigenen brasilianischen Kultur an. Bardi war neben ihrer Architekturtätigkeit auch Redakteurin, Bühnenbildnerin, Illustratorin sowie Schmuck- und Interiordesignerin. So entwarf sie oftmals Teile der Inneneinrichtung für ihre Bauten selbst. Zum Beispiel den zusammenklappbaren „Frei Egidio“-Holzstuhl.

Casa de Vidro

Nachdem Bardi und ihr Mann 1946 nach Brasilien auswanderten, bauten sie sich von 1950 bis 1952 ein eigenes Haus. Das von Bardi selbst entworfene Casa de Vidro (gläsernes Haus) brachte ihr nicht nur viel Aufmerksamkeit und Bewunderung ein, sondern auch jede Menge Aufträge für private und öffentliche Bauten. Der Salon des als Künstlerkonklave angedachten Hauses wird von elf Pfeilern getragen, die hangabwärts angeordnet sind. Die raumhohen Glaswände sind nicht nur außen von Bäumen eingezäunt: Im Inneren des Salons befindet sich eine Aussparung, in der sich nach und nach Pflanzen und Bäume aus dem Garten ihren Weg nach oben bahnen. Im Kontrast dazu steht der klassische, auf dem Boden liegende, hintere Teil des Hauses, in dem sich die privaten Zimmer verbergen. Dadurch schafft das Gebäude einen fließenden Übergang vom traditionellen zum modernen Baustil.

Museu de Arte de São Paulo

Bild: Museu de Arte de São Paulo von Mike Peel. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Als das Museum, das nach Bardis Entwürfen gebaut wurde, 1968 offiziell eingeweiht wurde, war sogar Königin Elisabeth II. des Vereinigten Königreichs anwesend. Das Kunstmuseum in São Paulo gilt heute als Wahrzeichen der Stadt und der modernen brasilianischen Architektur. Der Hauptkörper – ein Quader aus Glas und Beton – wird von zwei massiven seitlich angebrachten roten Betonbügeln acht Meter über dem Boden getragen. Dadurch wurde das Gebäude zum Pionier der Stahlbetonbauweise in Brasilien. Auch das Areal unter dem Quader wird genutzt: Auf dem 74 Meter großen Platz finden regelmäßig Veranstaltungen und Märkte statt. Die verglasten Wände öffnen das Gebäude und die bedeutenden Kunstsammlungen im Inneren optisch zusätzlich zum nahegelegenen historischen Stadtzentrum und dem Stadtpark. Bardi selbst sagt über ihr Design, dass sie „nicht nach Schönheit gesucht [habe], [sondern] nach Freiheit.“ Im Jahr 2003 wurde der Bau vom brasilianischen Institut für Historisches und Künstlerisches Erbe als nationales Kulturgut anerkannt.

Fábrica de Pompéia – SESC Pompéia

Bild: „Lina Bo Bardi, SESC Pompéia (5320956259)“ von Paulisson Miura. Lizenz: CC BY 2.0

Die ehemalige Fass-Fabrik wurde von 1977 bis 1986 nach Bardis Entwürfen aufwendig zu einem Sport-, und Kulturzentrum umgebaut. Die Herausforderung bestand dabei darin die bestehende Struktur mit neuen Bauten nach ihrem Design zu einer Einheit zu kombinieren. Da die existierende Struktur von den Einheimischen bereits für soziale Veranstaltungen genutzt wurde, wollte Bardi diese Funktionen nicht wegnehmen, sondern durch Veränderungen noch verstärken. Dazu ließ sie zunächst den Gips am alten Gebäude entfernen, um den rohen Beton darunter freizulegen. Dann ließ sie zusätzliche Betontürme bauen, die sie durch acht Laufbrücken mit dem alten Gebäude verband. Als Kontrast zum gradlinigen, grauen Beton wurden unförmige Fensterlöcher in die Türme geschlagen in die rote Schiebegitter eingesetzt wurden. Während der langen Entstehungsphase war Bardi auch in die Entscheidungen der Inneneinrichtung – von Möbeln bis hin zum Design der Uniformen für Angestellte – involviert. Sie wollte Räume für die gesamte Öffentlichkeit, aber ohne Hierarchien erschaffen.

Shigeru Ban – innovativer Philanthrop

Teil 26 der Plateau RED-Reihe „Inspirierende Persönlichkeiten der Architektur“

Shigeru Ban
*1957 in Tokio, Japan
japanischer Architekt

„Shigeru Ban ist eine Naturgewalt, was angesichts seiner ehrenamtlichen Arbeit für Obdachlose und Enteignete in Gebieten, die von Naturkatastrophen verwüstet wurden, durchaus angemessen ist. Aber er erfüllt auch alle Voraussetzungen für die Aufnahme in das Pantheon der Architektur – ein profundes Wissen über sein Fachgebiet mit besonderem Schwerpunkt auf modernsten Materialien und Technologien, absolute Neugier und Engagement, unendliche Innovation, ein untrügliches Auge, eine ausgeprägte Sensibilität – um nur einige zu nennen.“ – Lord Palumbo, Vorsitzender der Pritzker-Preis-Jury

Bild: Mt.Fuji World Heritage Centre von Mr.Asylum. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Shigeru Bans Architektur ist von der Einfachheit des traditionellen japanischen Architekturstils geprägt. Diesen interpretiert er in seinen Gebäuden mithilfe von westlichen Einflüssen neu. Der gebürtige Japaner studierte zuerst in Los Angeles und anschließend in New York Architektur und gründete 1985 sein eigenes Architekturbüro in Tokio.

Bauten aus recycelter Pappe

Ban ist vor allem für die Verwendung der in der Architekturwelt eher untypischen Materialien Papier und Pappe in seinen Bauten bekannt. Bereits kurz nach der Gründung seines Architekturbüros entwickelte er sein Markenzeichen: Strukturen aus recycelten Kartonröhren. Für die EXPO 2000 in Hannover fertigte er den japanischen Pavillon aus Karton an, um das Potenzial des Materials im Bau unter Beweis zu stellen. Zusammen mit dem deutschen Architekten Frei Otto entwarf Ban eine 72 Meter lange Gitterschalen-Konstruktion, die nach der Ausstellung recycelt und wieder zu Papiermasse verarbeitet werden konnte.

Viele Entwürfe von Ban können durch den Gebrauch von Pappe kostengünstig und zeiteffizient für temporäre, vorgefertigte Strukturen umgesetzt werden. Besonders in der schnellen Unterbringung von Katastrophenopfern sind Bans Werke gefragt. Für seine innovative Arbeit wurde Ban 2014 der Pritzker-Preis verliehen.

Katastrophenhilfe

Bild: Cardboard Cathedral – “All Just Looking” von Jocelyn Kinghorn. Lizenz:CC BY-SA 2.0

1994 kamen seine Konstrukte aus Kartonröhren zum ersten Mal als Flüchtlingsunterkünfte zum Einsatz als Ban die schlechten Bedingungen sah, unter denen die Geflüchteten des ruandischen Bürgerkriegs leben mussten. Ein Jahr später baute er das „Paper Log House“ und die „Papierkirche“ für ehemalige vietnamesische Flüchtlinge, die nach dem Erdbeben in Kobe keinen Platz mehr in den Notunterkünften der Regierung fanden. Nach diesen Erfahrungen gründete Ban die Nichtregierungsorganisation Voluntary Architects‘ Network (VAN), die weltweit Katastrophenhilfe durch den Bau pappbasierter Häuser, Brücken, Schulen, Konzerthallen und Museen anbietet. Seit der Gründung hat VAN Katastrophenhilfe unter anderem in der Türkei, Westindien, Sri Lanka, Italien, Haiti, Neuseeland und den Philippinen geleistet. Die Notunterkünfte mit Trennwandsystemen haben auch in Japan nach großen Erdbeben zu erheblichen Verbesserungen der Lebensqualität in den Unterkünften geführt.

Für den Bau seiner Notunterkünfte verwendet Ban häufig recycelbare Kartonröhren für Säulen, Wände und Balken. Diese sind nicht nur lokal verfügbar, sondern auch preiswert, leicht zu transportieren, zu montieren und zu demontieren sowie wasser- und feuerfest. Die einzelnen Sektionen werden außerdem durch Stoffvorhänge voneinander abgetrennt und bieten ihren temporären Bewohnern dadurch zusätzlich Privatsphäre. Auch im aktuellen Ukraine-Krieg haben Bans Unterkünfte bereits vielen ukrainischen Flüchtlingen ein temporäres Heim geboten. Direkt nach Ausbruch des Krieges wurde das System, das in knapp fünf Minuten errichtet werden kann, bereits in Lviv in der Westukraine, in Polen und Frankreich genutzt.

Ban entwickelt bis heute nachhaltige Material- und Struktursysteme. Neben seinen Kartonröhrenstrukturen hat er auch Strukturen aus laminiertem Bambus, Schiffscontainern und Holz ganz ohne Metallverbindungen entwickelt. Darüber hinaus hat Ban auch Möbel und Accessoires aus Kohlefasern entworfen.

Centre Pompidou-Metz

Bild: Centre Pompidou-Metz von FrDr. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Das Centre Pompidou-Metz – eine Dependance des Centre Pompidou in Paris – ist seit seiner Eröffnung in 2010 eine der meistbesuchten Kulturstätten Frankreichs außerhalb von Paris. Besonderes Markenzeichen ist die Dachstruktur. Sie gilt bis heute als eine der größten und komplexesten.

Der Grundriss des Centre Pompidou-Metz ist ein Sechseck mit einem 77 Meter hohen zentralen Turm – eine Anspielung auf das Eröffnungsdatum des ursprünglichen Centre Pompidou in Paris im Jahr 1977. Drei übereinander gestapelte Galerien erstrecken sich um den zentralen Turm und das Dach. Dieses spiegelt den Grundriss des Gebäudes wider. Für die geschwungene Konstruktion – die an das Rohrgeflecht eines chinesischen Hutes erinnert – wurde laminiertes Fichtenholz zu sechseckigen Holzelementen zusammenfügt. Die gesamte Holzstruktur kommt ohne Metallverbindungen aus und ist mit einer weißen Glasfasermembran und einer Teflon-Beschichtung bedeckt, die selbstreinigend ist und vor direkter Sonneneinstrahlung schützt.

Ban wollte dadurch eine Architektur schaffen, „die die Öffnung, die Verquickung der Kulturen und das Wohlbefinden in einer unmittelbaren und wahrnehmbaren Beziehung zur Umwelt zum Ausdruck bringt.“

Bernd Albers – traditionsbewusster Stadtgestalter

Teil 25 der Plateau RED-Reihe „Inspirierende Persönlichkeiten der Architektur“

Bernd Albers
*1957 in Coesfeld †2022 in Berlin
deutscher Architekt

„Aufregend selbstverständlich – Aufgeregte Architektur gibt es reichlich, aufregende Architektur ist dagegen eher selten. Ganz selbstverständlich arbeiten wir am Aufregenden, ganz unaufgeregt arbeiten wir am Selbstverständlichen.“ – Bernd Albers

Bernd Albers galt als vehementer Verfechter der Rekonstruktion der Berliner Innenstadt nach historischem Vorbild und wirkte nach dem Mauerfall dabei mit, die Stadt auch architektonisch wiederzuvereinen. Zu Beginn seiner Karriere waren seine architektonische und stadtplanerische Ausrichtung vom Modernismus geprägt. Doch schon bald schloss er sich in Berlin einer informellen Gruppe von Architekten – auch das „steinerne Berlin“ genannt – an, die zur Neuinterpretation historischer Bauten und Fassaden tendierten. Auch der Neuen Altstadt Frankfurts verhalf er mit zwei Rekonstruktionen nach historischem Vorbild zum ursprünglichen Charme zurück.

Bild: Das Gerber Einkaufszentrum in Stuttgart von Silesia711. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Albers studierte bis 1987 Architektur in Berlin. Während seines Studiums sammelte er erste Arbeitserfahrungen als freier Mitarbeiter im Büro des Star-Architekten Hans Kollhoff. Sein erstes eigenes Architekturbüro gründete er 1988 in Zürich. Seit 1993 befindet sich die heutige Bernd Albers Gesellschaft von Architekten mbH in Berlin. Bernd Albers war maßgeblich an der Stadtentwicklung Berlins beteiligt. Dafür bekam er 2006 den Deutschen Städtebaupreis verliehen. Neben seiner Arbeit als Architekt war Albers als Dozent und Gastprofessor an diversen Universitäten in Deutschland, der Schweiz und Italien tätig.

Planwerk Innenstadt

Ende der 1990er Jahre war Albers einer der Verfasser und Obergutachter des „Planwerks Innenstadt“, ein städtebaulicher Masterplan für den Inneren Bereich Berlins. Nach der Wiedervereinigung konzentrierte sich die Stadtplanung darauf die markanten Berliner Blöcke wiederherzustellen. Albers war dabei besonders an der Nachverdichtung von Freiflächen interessiert, die durch die autogerechte Stadtplanung in der ehemaligen DDR entstanden waren. Seine Bebauungspläne des Marx-Engels-Forums sowie des Umfelds des Fernsehturms lösten starke Debatten und Kontroversen aus. Sie führten dazu, dass das historische Zentrum per Senatsbeschluss aus dem Planwerk Innenstadt ausgespart wurde.

Berlin-Brandenburg 2070

Bild: Plan „Zusammenwachsen – Landschaf(f)tStadt“ von Bernd Albers Gesellschaft von Architekten mbH. Bildnachweis: AIV – Internationaler Städtebaulicher Ideenwettbewerb Berlin-Brandenburg 2070.

Zum 100-jährigen Jubiläum des Städtebaus für Groß-Berlin lobte der Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg e.V. 2020 einen Ideenwettbewerb über die Zukunft der Metropolregion aus. Das Architekturbüro von Albers gewann den ersten Preis unter fünf Gewinnern des Internationalen Städtebaulichen Wettbewerbs. Der Entwurf seines Büros „Zusammenwachsen – Landschaf(f)tStadt“ zeigt, wie der bereits existierende Raum Groß-Berlins weiterentwickelt und zukunftsfähig werden kann. Dabei ging es nicht um die Gestaltung einzelner Häuser, sondern um strukturelle Pläne zu Stadt- und Freiraum, Städtebau, Nutzung, Verkehr und Bebauung. Albers berief sich deshalb auf ein zukunftsweisendes, aber auf dem Ist‐Zustand aufbauendes Gesamtkonzept für Berlin‐Brandenburg in 50 Jahren mit dem Motto: „In der Beschränkung zeigt sich der Meister“. Albers konnte sich vor allem durch seine Weitsicht für die gesamte Metropole von anderen Einreichungen abheben, die sich überwiegend auf den sogenannten Speckgürtel von Berlin fokussierten.

Molkenmarktviertel Berlin

Der älteste Platz Berlins – der Molkenmarkt – wurde im zweiten Weltkrieg zerstört und anschließend durch einen autogerechten Umbau der Innenstadt weiter beschnitten. Die Neugestaltung des Quartiers wird daher bereits seit den 1990ern geplant. 2016 hat der Senat rechtsverbindlich beschlossen den ehemaligen historischen Stadtkern wiederzubeleben. Im November 2021 konnte Bernd Albers Gesellschaft von Architekten mbH die Auslobung zur Neugestaltung des Molkenmarkts zusammen mit einem anderen Team für sich entscheiden. Die Pläne von Albers orientieren sich dabei an der historischen Blockrandbebauung des einstigen Molkenmarktviertels, während der Siegerentwurf des dänischen Büros OS arkitekter eine radikalere moderne und nachhaltige Gestaltung vorsieht. Albers Pläne sehen überwiegend die Errichtung schmaler Stadthäuser auf der Breite der historischen Parzellen vor. Nur an wenigen Stellen, an denen diese Lösung aufgrund vorgegebener Parameter nicht möglich ist, sollen größere Haustypen die Straßen säumen. Im Februar und April 2022 gingen die Entwürfe zur Weiterbearbeitung in die öffentlichen Werkstätten, um mit den Fragen und Ideen der Stadtgesellschaft in Einklang gebracht zu werden. Nach dem Tod von Bernd Albers werden seine Geschäftspartner Prof. Dr. Silvia Malcovati und Stefan Lotz das Projekt weiterführen.

Diébédo Francis Kéré – futuristischer Traditionalist

Teil 24 der Plateau RED-Reihe „Inspirierende Persönlichkeiten der Architektur“

Francis Kéré
*1965 in Gando, Burkina Faso
burkinischer Architekt

Der burkinische Architekt Diébédo Francis Kéré ist der Gewinner des Pritzker-Preises 2022. Kérés Architektur steht für soziale Gerechtigkeit, soziales Engagement und die intelligente Verwendung lokaler Materialien. Kéré verbindet technisches Wissen und ein tiefes Umweltverständnis mit kultureller Sensibilität, Engagement und Hingabe. Der in Berlin lebende Architekt, Pädagoge und soziale Aktivist baut zeitgemäße Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Wohnungen, öffentliche Gebäude und öffentliche Räume. Und dies oft in Ländern, in denen die Ressourcen knapp sind und die Gemeinschaft lebensnotwendig ist.

Pritzker kommentiert seine Entscheidung für den Preisträger Kéré wie folgt: „Er leistet Pionierarbeit im Bereich der Architektur – nachhaltig für die Erde und ihre Bewohner – in Ländern mit extremer Knappheit. Er ist gleichermaßen Architekt und Diener und verbessert das Leben und die Erfahrungen unzähliger Bürger in einer Region der Welt, die manchmal vergessen wird. Durch Gebäude, die Schönheit, Bescheidenheit, Kühnheit und Erfindungsreichtum demonstrieren, und durch die Integrität seiner Architektur und seiner Geste, hält Kéré die Mission dieses Preises anmutig aufrecht.“ Kéré selbst sagt über seine Architektur: „Ich hoffe, einen Paradigmenwechsel herbeiführen zu können, die Menschen zum Träumen und zum Risiko zu bewegen. Nur weil man reich ist, sollte man kein Material verschwenden. Nicht weil man arm ist, sollte man nicht versuchen, Qualität zu schaffen. Jeder verdient Qualität, jeder verdient Luxus, und jeder verdient Komfort. Wir sind miteinander verbunden, und die Sorgen um Klima, Demokratie und Ressourcenknappheit gehen uns alle an.“

In der Heimat verwurzelt …

Geboren wurde Diébédo Francis Kéré 1965 in Burkina Faso – einem der am wenigsten entwickelten Länder Afrikas. In seinem Heimatdorf Gando gab es weder Strom noch fließendes Wasser und keinen Zugang zu Bildung oder einer adäquaten Gesundheitsversorgung. Kéré war der älteste Sohn des Dorfoberhaupts und der erste in seiner Gemeinde, der eine Schule besuchte. Mit sieben Jahren musste er dafür nach Tenkodogo umziehen. Sein Klassenzimmer teilte er mit mehr als hundert anderen Kindern. Der Raum bestand aus bloßen Zementblöcken und verfügte weder über Belüftung noch über Licht. In diesem extremen Klima reifte sein Wunsch etwas Besseres zu erschaffen. 1985 führte ein Stipendium Kéré nach Deutschland, wo er nach seinem erfolgreichen Studium der Architektur in Berlin 2005 sein dortiges Büro Kéré Architecture gründete. Trotz seines internationalen Erfolgs hat der Burkinabe sein Versprechen, bessere Schulgebäude für seine Heimat zu entwickeln, nie vergessen.

Bild: “Grando Primary School” von Erik-Jan Owerkerk. Lizenz: The Pritzker Architecture Price

Herzensprojekt: Gando Primary School

2001 setzte Kéré sein Versprechen schließlich mit der Gründung der Stiftung „Schulbausteine für Gando e.V.“ (heute Kéré Foundation e.V.) in die Tat um und entwarf eine Grundschule für seine Heimatgemeinde. Ein Herzensprojekt, mit dem Kéré das grundlegende Bedürfnis nach Bildung in seiner Heimat erfüllen und soziale Ungerechtigkeiten beseitigen wollte. Sein Entwurf erforderte ein zeitgemäßes Design, das mit begrenzten Mitteln den Herausforderungen von extremer Hitze und schlechten Lichtverhältnissen begegnet. Zudem musste Kéré die Unsicherheit seiner Gemeinde dem Projekt gegenüber überwinden. Er sammelte international Spenden und schuf gleichzeitig Ausbildungs- und Arbeitsstellen für die Bürger vor Ort. Diese stellten von der Konzeption bis zur Vollendung fast alle Bauteile der Schule in Handarbeit her. Einheimischer Lehm wurde mit Zement angereichert, um Ziegelsteine mit bioklimatischer thermischer Masse zu bilden. Sie halten die kühlere Luft im Inneren zurück, während die Wärme durch eine Ziegeldecke und ein breites, überhängendes, erhöhtes Dach entweichen kann. Dies ermöglicht eine Belüftung ohne den Einsatz von Klimaanlagen. Der Bau der „Gando Primary School“ führte zu einem Anstieg der Schülerzahlen von 120 auf 700 und gab den Impuls zum Bau von Lehrerwohnungen (2004), eines Erweiterungsbaus (2008) und einer Bibliothek (2019). Für das Projekt gewann Kéré 2004 den Aga Khan Award for Architecture: der Beginn seiner internationalen Karriere.

Aus der Gemeinschaft für die Gemeinschaft

Bild: “Burkina Insitute of Technology” von Francis Kéré. Lizenz: The Pritzker Architecture Price

Die Grundschule in Gando war nur der erste Schritt für Kéré auf seinem Weg zur Verbesserung der Gemeinschaften und der Beseitigungsozialer Ungerechtigkeiten. Es folgten weitere Grund- und Sekundarschulen, Hochschulen und medizinische Einrichtungen in Burkina Faso, Kenia, Mosambik und Uganda. Für seine Entwürfe verbindet Kéré stets lokale Materialien mit technologisch modernen Bautechniken. So entstehen Gebäude, die sowohl sozial als auch ökologisch nachhaltig sind und eine besondere Sensibilität für ihre bioklimatische Umgebung aufweisen. Der Startup Lions Campus (2021, Turkana, Kenia), ein Campus für Informations- und Kommunikationstechnologien, beispielsweise verwendet örtliche Bruchsteine und gestapelte Türme zur passiven Kühlung, um den Einsatz der zum Schutz der technischen Geräte erforderlichen Klimaanlage zu minimieren. Das Burkina Institute of Technology (Phase I, 2020, Koudougou, Burkina Faso) wiederum besteht aus kühlenden Lehmwänden, die in-situ gegossen wurden, um den Bauprozess zu beschleunigen. Eukalyptusbäume auf den abgewinkelten Wellblechdächern schützen das Gebäude während der kurzen Regenzeit im Land. Zusätzlich wird das Regenwasser unterirdisch gesammelt, um die Mango-Plantagen auf dem Gelände zu bewässern.

Das „Operndorf Afrika“

Neben Schulgebäuden in afrikanischen Ländern hat Kéré auch temporäre und permanente Strukturen in Dänemark, Deutschland, Italien, der Schweiz, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten erschaffen. Zu seinen aktuellen Projekten zählen die Nationalversammlung von Burkina Faso (Ouagadougou, Burkina Faso), die Nationalversammlung von Benin (Porto-Novo, Republik Benin) und das bereits teilweise realisierte „Operndorf Afrika“. Bei diesem Projekt handelt es sich um einen interkulturellen Ort, der 30 Kilometer nordöstlich der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou entsteht. Schirmherr ist der Bundespräsident a. D. der Bundesrepublik Deutschland Horst Köhler. Initiiert wurde das Projekt 2010 von dem Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief, der es trotz schwerer Krebserkrankung bis zum Schluss vorangetrieben hat. Herzstück des Projekts ist das Festspielhaus im Zentrum des Areals, das von Künstlerateliers, einem Gesundheitszentrum und einer Schule umgeben sein wird. Die Schule nahm bereits 2011 ihren Betrieb auf. Hier werden rund 300 Kinder unterrichtet, in Klassen von jeweils 50 Kindern. Eine deutliche Verbesserung also zu den Bedingungen während Kérés eigener Schulzeit und damit ein weiterer Meilenstein seiner sozial engagierten Architektur.

 

Bildergalerie

Vincent Callebaut – Visionär nachhaltiger Architektur

Teil 23 der Plateau RED-Reihe „Inspirierende Persönlichkeiten der Architektur“

Vincent Callebaut
*1977 in La Louvière, Belgien
belgischer Architekt

„Ich möchte Städte in Ökosysteme verwandeln, Nachbarschaften in Wälder und Gebäude in Bäume“ – Vincent Callebaut.

Vincent Callebauts zukunftsweisende Architektur ist inspiriert von der Literatur von Jules Verne, von Science-Fiction, von der kreativen Welt der Comics und von der Natur. In seinem Büro sowie in Zusammenarbeit mit renommierten ausländischen Architekturbüros entwirft er zahlreiche futuristische und extravagante Projekte, deren bevorzugtes Thema die „ideale ökologische Stadt von morgen“ ist. Vor dem Hintergrund der Prognose eines Anstiegs der Weltbevölkerung auf 9 Milliarden Menschen bis zum Jahr 2050 experimentiert Callebaut intensiv mit Ideen für ein utopisch-ökologisches Stadtleben. Er möchte Gebäude erschaffen, die dem Klimawandel aktiv entgegenwirken. Seine Entwürfe sollen dabei nicht nur energieautark sein, sondern auch bestehende Luftverschmutzungen bereinigen.

Geboren wurde der Visionär für grüne Architektur in La Louvière in Belgien. 2000 absolvierte er seinen Abschluss in Architektur an der Freien Universität Brüssel und zog im Anschluss nach Paris. Dort arbeitete Callebaut zwei Jahre lang für die Stadtplanungsarchitekten Odile Decq und Massimiliano Fuksas, bevor er sein eigenes Architekturbüro „Vincent Callebaut Architectures“ gründete. Die Weltausstellung 2010 in Shanghai verschaffte Callebaut internationale Bekanntheit und Anerkennung. In sieben Pavillons, darunter der chinesische und der deutsche, wurden mehrere seiner Projekte ausgestellt. Die Projekte „Dragonfly“ und „Lilypad“ zählen zu seinen bekanntesten Entwürfen.

Dragonfly

Callebauts „Dragonfly“ ist der Entwurf für einen exotischen Wolkenkratzer in New York. Er besitzt die Form riesiger Libellenflügel aus Glas und Stahl, wobei die beiden Flügel durch ein bioklimatisches Gewächshaus verbunden sind. Die Dragonfly/Libelle ist der Prototyp einer städtischen Farm und umfasst 132 Stockwerke sowie eine vertikale Ausdehnung von 600 Metern mit Gemüsegärten, Feldern sowie Fleisch-, Milch-, Geflügel- und Eierproduktion, in denen die Menschen ihre eigenen Lebensmittel anbauen. Das zukunftsweisende Hochhaus bietet Platz für 28 verschiedene landwirtschaftliche Produktionsfelder, ist energie- und wasserautark und produziert sein eigenes biologisches Düngemittel. Die Zwischenräume der Flügel sind so konzipiert, dass sie die Sonnenenergie nutzen, indem sie im Winter warme Luft in der Struktur ansammeln. Im Sommer kühlen die natürliche Belüftung und die Verdunstung der Pflanzen das Gebäude ab.

Lilypad

Mit seiner „Lilypad“ hat Callebaut einen biotechnologischen Prototyp für schwimmende Städte entwickelt. Das von der stark gerippten Blattform der Amazonas-Riesenseerose inspirierte Stadtmodell ist als Langzeitlösung für zukünftige Klimaflüchtlinge gedacht. Die doppelte Haut der Struktur besteht aus Polyesterfasern, die mit einer Schicht aus Titandioxid überzogen sind. Das Titandioxid reagiert mit ultravioletten Strahlen und absorbiert durch seine photokatalytische Wirkung die Luftverschmutzung. Lilypad ist als eine autarke Stadt angelegt und bietet Platz für 50.000 Personen. Jede Seerose besteht aus drei Yachthäfen und drei „Bergen“, die für Unterhaltungszwecke gedacht sind. Eine zentral gelegene künstliche Lagune hat die Aufgabe, Wasser zu sammeln und zu reinigen. Durch die Integration aller erneuerbaren Energien soll die schwimmende Stadt eine positive Energiebilanz ganz ohne Kohlenstoff-Emissionen erreichen und dauerhaft mehr Energie produzieren als verbraucht wird.

Tao Zhu Yin Yuan

Der grüne Wohnturm in Taipeh (2013-2018) ist eines der wenigen bereits realisierten Projekte Callebauts. Er ist der Struktur der Doppelhelix der DNA nachempfunden, wobei jede Doppelhelix aus zwei Wohneinheiten besteht, die eine Ebene bilden. Die um 90 Grad verdrehte Struktur des Gebäudes ermöglicht Freiluftgärten auf jeder Ebene und eine Panorama-Aussicht für jede Wohneinheit. Insgesamt wachsen rund 23.000 Bäume, Sträucher und Pflanzen auf den Freiflächen des 20-stöckigen Turms. Dadurch können jährlich 130 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen absorbiert werden. Tao Zhu Yin Yuan verfügt zusätzlich über natürliche Lüftungskamine, die die Luft im Inneren filtern und eine Konstruktion zur Sammlung und Aufbereitung von Regenwasser sowie Solar- und Windkraft. Auch alle im Inneren verwendeten Materialien sind umweltfreundlich, ökologisch und recyclebar.

The Green Arch

Für die Expo 2020 in Dubai entwarf Callebaut zusammen mit Assar Architects den belgischen Pavillon “The Green Arch” – eine beeindruckende Kombination aus intensiver Begrünung und futuristischem Massivholz-Design. Der Pavillon ist als Beispiel für eine nachhaltige Stadtentwicklung gedacht und bietet Besuchern einen Einblick in ein smartes und grünes Belgien im Jahr 2050. Das Gebäude verfügt über ein große photovoltaisches und thermisches Solardach, das Strom und Warmwasser für den Eigenverbrauch des Pavillons erzeugt. Gemäß seines Namens wurde der „grüne Bogen“ optisch an den Brückenbau angelehnt: Er bildet ein riesiges Gewölbe mit doppelter Krümmung zwischen seinen beiden Pfeilern. Das geschwungene Gewölbe basiert auf der mathematischen Minimalfläche, dem „hyperbolischen Paraboloid“. Dieses Paraboloid aus Fichtenholzlamellen bildet eine riesige hölzerne Mashrabiyya und umhüllt das gesamte Gebäude, um es besser vor Sonneneinstrahlung zu schützen.

 

 

Weitere aufsehenerregende Projekte von Vincent Callebaut sind sein nachhaltiges Konzept “Paris Smart City 2050”, die Neugestaltung von Aix-les-Bains, der Pollinator-Park der Europäischen Kommission sowie seine fünf Landwirtschaftsbrücken im Irak.